Privacy macht einen Unterschied und Wie Big Data unsere Ökonomie verändern wird

von Dieter Janecek

Im Februar 2014 hat der Deutsche Bundestag den lang erwarteten sogenannten Internetausschuss „Digitale Agenda“ konstituiert. Mindestens gefühlt hat Deutschland ziemlichen Aufholbedarf: Beim Breitbandausbau hängen wir hinterher, und die führenden Internetfirmen der Welt sitzen in und um Silicon Valley. Deshalb haben neun Bundestagsabgeordnete aus den Fraktionen von CDU/CSU, SPD und GRÜNE das Angebot der American Chamber of Commerce (AmCham) für eine gemeinsame Informationsreise zur Digitalwirtschaft in die USA gerne angenommen.

Das Fazit vorab: Nein, wir müssen uns in Deutschland nicht verstecken. Doch wir sollten vor allem lernen, dass der Stellenwert der Megatrends der Digitalisierung von Cloud Computing über Big Data bis hin zu Industrie 4.0 bei uns und insbesondere in der Politik noch unzureichend ist. Und dass wir in Deutschland einen Vorsprung bei Datensicherheit und Privacy haben – und diesen auch nutzen sollten.

Privacy: Microsoft und Facebook auf gegenläufigen Pfaden

NSA und Snowden haben die Debattenlage über Privacy auch in den USA verändert. Zwar hört man jenseits des Teichs noch manches Mal Unverständnis über die Datenschutz- und Sicherheitsdiskussionen in Deutschland. Dies habe doch vor allem kulturelle und historische Hintergründe, und der End-User, insbesondere die jüngere Generation, habe doch längst einen anderen (gemeint ist sorgloseren) Umgang mit der Freigabe eigener Daten. Und in der Tat hatte ich bei der Diskussion mit Elliot Schrage, Vice President for Global Communications bei Facebook, nicht den Eindruck, dass sein Unternehmen stärker darauf dringen wird, dass die USA hier endlich zu höheren und vor allem einheitlichen Standards kommt, wie wir sie innerhalb der EU gerade diskutieren.

Der Facebook-Campus in Palo Alto mit 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vor Ort hat trotzdem einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Facebook hat hier auf dem ehemaligen Gelände von Sun Microsystems seine eigene Kreativstadt verwirklicht. Marc Zuckerberg steht jeden Freitag um 16 Uhr seinen Mitarbeitern für eine Fragestunde zur Verfügung, und tatsächlich saß er auch während unseres Delegationsbesuches sichtbar hinter einer Fensterscheibe im Gespräch mit anderen vertieft. Da war es noch mal spürbar, das Phänomen Facebook, ein Unternehmen, das vor zehn Jahren noch gar nicht existierte und heute einer der Global Player ist. Die Frage, welches Geschäftsmodell der Zukunft Facebook verfolgt, blieb aber im Gespräch eher unbeantwortet und die kritische Betrachtung durch Kunden und Öffentlichkeit nimmt spürbar zu.

Zum Auftakt unserer Reise hatte der langjährige IT-Gigant Microsoft am vergangenen Montag ein Kontrastprogramm geboten. Brad Smith, General Counsel, hatte kurz vor unserem Besuch im New York Times Blog das Thema Privacy als zentral für die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens genannt. Offensichtlich sucht das Unternehmen mit Sitz in Redmond/Seattle die Debatte um Snowden/NSA als Anlass, um sich selbst als „trusted company“ zu positionieren: „We hope that our European customers won’t look at our nationality, but at the commitments we have made around data protection.“ Dass Microsoft auf diese Art in die Offensive geht, zeigt, dass innerhalb der IT-Industrie auch in den USA die Gegensätze zunehmen. Die Sorge um das eigene problematische Image wächst spürbar.

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Im Microsoft Cybercrime Center in Redmond: 400 Millionen Menschen sind aktuell von Malware und Hacker-Attacken betroffen.

Deutsche Erfolge im Silicon Valley

Dass auch deutsche Startups in Kalifornien erfolgreich sein können, zeigt smaato, ein in Hamburg gegründetes Unternehmen. Smaato vertreibt Werbung zur Platzierung auf mobilen Geräten, ganz offensichtlich ein Markt mit Zukunft. Der Weg zur Mobilisierung von Venture Capital war nach Aussage der Gründer Ragnar Kruse und Petra Vorsteher steinig, aber letztlich auch erfolgreich. Schlicht auch deshalb, weil im Silicon Valley eine andere Gründerkultur vorherrscht und „Scheitern“ eine akzeptierte Variante unternehmerischen Handelns ist. Wer scheitert, steht danach halt wieder auf. Und die zweite Chance wird in der Regel genutzt.

Spät, aber vielleicht nicht zu spät, hat das Bundeswirtschaftsministerium erkannt, dass wir nicht nur von Silicon Valley lernen können, sondern dort auch gezielt deutsche Startups hinbringen und fördern sollten. Der German Silicon Valley Accelerator übernimmt diese Aufgabe mit zunehmendem Erfolg. Zurzeit existiert ein Mentoring-Programm mit rund 40 zumeist jungen Entrepreneuren. Mit einigen von ihnen könnten wir ins Gespräch kommen und ihre Erwartungen an die Politik erfragen. Dabei stellte sich heraus, dass zum einen die Startbedingungen in Deutschland mit seiner Förderlandschaft und dem agilen Mittelstand durchaus gelobt werden. Aber überbordende Bürokratie sowie zeitraubende Prozesse sowie der schwierige Zugang zu Gründerkapital wurden bemängelt. Insbesondere bei den Themen Networking und Eigenvermarktung könne man von den USA noch viel lernen.

Digitale Megatrends: von Big Data zur Industrie 4.0

Mit Hewlett-Packard und IBM, zwei (lebendigen) Dinosauriern der Tech-Branche, konnten wir intensiv in den Dialog gehen über die technologischen Trends des Digitalen Wandels. „IT Infrastructures of the Future“ war Gegenstand der Diskussion mit Martin Risau, Senior Vice President bei HP. Und hier ging’s ums Eingemachte: Zu welchen Umwälzungen für die Ökonomie und insbesondere die Industrie wird Big Data führen, also die Tatsache, dass wir durch die Nutzung und Auswertung gigantischer Datenmengen neue Erkenntnisse in Wissenschaft und Forschung und damit völlig neue Geschäftsfelder und Lösungsansätze finden werden? Ein wegweisendes Buch hierzu ist im vergangenen Jahr von den Autoren Viktor Mayer-Schönberger und Kenneth Cukier erschienen.

Ich teile die Einschätzung von Risau, dass diese Diskussion unter dem Stichwort Industrie 4.0 für den deutschen Mittelstand in seiner Vielfalt und für unsere Industrie mehr Chancen als Risiken bietet. Allerdings ist die Diskussion über die Potentiale von Big Data bei uns nach meiner Wahrnehmung noch unterbelichtet. Die neue Studie des Umweltbundesamts geht von einer vollständigen Elektrifizierung unserer Ökonomie aus: Auch Wärme und Mobilität werden in der Zukunft stromgeführt sein. Aber welche Rolle spielt Digitalisierung in diesem Szenario?

Dass Industrie 4.0 in Verbindung mit Big Data das Thema Cloud Computing ganz nach oben auf die Agenda stellt, hat unser Besuch bei SAP gezeigt, das in den USA gerade kräftig expandiert. Mit passgerechter Betriebssoftware für Unternehmen ist das deutsche Unternehmen jetzt schon 40 Jahre im Geschäft. Mit wachsendem Erfolg, was in der Tech-Branche nicht unbedingt der Standard ist, wie die Geschichte vergangener Big Player wie Sun Microsystems zeigt.

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„Cognitive Computing“: Im IBM Research Lab wird intensiv an der künstlichen Intelligenz geforscht. Hauptauftraggeber wie so oft: das US-Militär

Bezahlung per Fingerabdruck

Und dass die Digitalisierung weitere Umwälzungen für den Endnutzer mit sich bringen wird, zeigte unser Besuch bei Ebay und PayPal. Bezahlsysteme per Fingerabdruck sind längst keine Utopie mehr: „The secure form of payment is the living thumb“. Für die Hacker von Kreditkarten wäre es tendenziell ein Albtraum. Aber aus Sicht der Konsumenten ist hier in mehrfacher Hinsicht auch Vorsicht angebracht. Natürlich wünschen sich die Online-Händler die Akkumulierung möglichst vieler Daten über ihre Kunden, vorgeblich, um passgenauere Angebote liefern zu können. Die schöne neue Welt könnte aber auch darauf hinaus laufen, dass die Kunden in unterschiedliche Kategorien ihrer Finanzkraft oder „Loyalität“ gegenüber dem Anbieter eingeteilt werden. Wem gehören hier eigentlich die Daten? Diese Frage muss also auch hier ganz nach oben auf die Agenda. Den technologischen Möglichkeiten sind wenige Grenzen gesetzt.

Deutschland muss sich der Realität stellen

Gut sieben Milliarden Menschen und rund 50 Milliarden Endgeräte, die sich rasant miteinander vernetzen und die Datenmengen in vor kurzem noch unvorstellbare Höhen treiben – so sieht die Realität im Jahr 2014 bzw. in naher Zukunft aus. Wir tun in Deutschland gut daran, endlich eine umfassende Debatte darüber zu beginnen, wie wir uns zu diesem Megatrends verhalten wollen: ökonomisch, aber auch im Hinblick auf unsere Freiheit und die sozialen Veränderungen, die die digitale Revolution mit sich bringt. Hierfür hat diese Reise durchaus einige neue Erkenntnisse gebracht.

Dieter Janecek

Dieter Janecek, Jahrgang 1976, seit 2013 Mitglied des Deutschen Bundestages. Er ist ordentl. Mitglied im Ausschuss Wirtschaft und Energie und wirtschaftspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag sowie seit 2008 Landesvorsitzender der Grünen in Bayern.

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