Interview mit Lena Sophie Müller, Initiative D21 e.V.: Wie steht es um die Digitalisierung Deutschlands?

Die Iniative D21 veröffentlicht jährlich Studien zum eGovernment und der Digitalisierung in Deutschland. Die beiden Studien eGovernment MONITOR und D21-Digital-Index hat Lena Sophie Müller, Geschäftsführerin der Initiative D21, am 14. Januar dem Bundestagsausschuss Digitale Agenda vorgestellt. bundestag-digital.de hat sie zu den Ergebnissen der Studien und ihren Forderungen an den Ausschuss befragt.

bundestag-digital.de: Die „Initiative D21“ hat im vergangenen Jahr den eGovernment MONITOR und den D21-Digital-Index veröffentlicht. Was sind die wichtigsten Ergebnisse?

Lena Sophie Müller: Die D21 misst das Internetnutzungsverhalten der deutschen Bevölkerung ab 14 Jahren seit 2001. Wir befragen dabei 33.000 Menschen ab 14 Jahren in Deutschland telefonisch – da wir sowohl die Einstellungen der Onliner, wie auch die der Offliner erfassen wollen. Damit ist der D21-Digital-Index die umfassendste Studie zum digitalen Nutzungsverhalten und zudem die einzige Studie, die das Phänomen „Digitalisierung in Deutschland“ gesamt und zugleich in ihrer Vielfältigkeit misst.

Zentrale Ergebnisse des D21-Digital-Index 2014:

  • 77 Prozent Onliner: große Unterschiede zwischen den Bundesländern. Zwar ist in Hamburg, Berlin und Bremen nur jeder Fünfte komplett offline, in Sachsen-Anhalt dafür fasst jeder Dritte. Insgesamt nutzen  ein Viertel der Deutschen, das sind 16 Millionen Menschen, das Internet überhaupt nicht.
  • Die digitale Gesellschaft ist heterogen – ihre Entwicklung stagniert. Der digitale Graben zwischen dem Teil der Bevölkerung, der die Chancen der Digitalisierung für sich zu nutzen weiß und die Risiken einschätzen kann, und den digital weniger Erreichten, wird noch immer maßgeblich durch Alter, Geschlecht, Bildung und Wohnort bestimmt.
  • Einige Bevölkerungsgruppen werden abgehängt­. So ist 2014 nur jede zweite Frau über 50 online.
  • Die Hürden für das digitale Arbeiten am Arbeitsplatz nehmen zu. So geben Berufstätige an, dass es nicht ausreichend Weiterbildungen und Ansprechpartner bei IT-Problemen gibt.
  • Geringes Datenbewusstsein: Für acht von zehn Befragten ist es zwar explizit nicht in Ordnung, als Gegenleistung für einen Online-Service Zugriff auf persönliche Daten zu gestatten, dennoch agieren die immer beliebteren Messenger-Dienste und Social Media-Plattformen offen nach diesem Prinzip. Die Diskrepanz zwischen Prinzipien und Wirklichkeit in der steigenden Nutzung datenbasierter Dienste macht deutlich, dass es zum Thema Datenbewusstsein noch massiven Aufklärungsbedarf gibt.

 

eGovernment MONITOR 2014:
Seit 2010 liefert die Untersuchung jährlich ein umfassendes Bild über die aktuelle E-Government-Situation in Deutschland, Österreich, der Schweiz und anderen Vergleichsländern. Im Vordergrund stehen die Nutzung, Zufriedenheit, Treiber und Barrieren. Ebenso evaluiert die Studie verschiedene E-Government-Möglichkeiten und die Einstellung der Bürger zu diesen. Dabei beantwortet sie auch Fragen rund um die Themen Mobile Government und Open Government.  Ziel der Studie: der öffentlichen Hand die Bürgerperspektive bekannt machen und so Bürgerorientierung ermöglichen.

Zentrale Ergebnisse:

  • Deutschland ist im Ländervergleich Schlusslicht bei der eGovernment-Nutzung.
  • Vorhandene Angebote sind nicht ausreichend bekannt.
  • Digitale Ausweisdokumente sind noch immer nicht im Bewusstsein der Bevölkerung angekommen.
  • Nutzung von E-Government in Deutschland nimmt wieder zu (2013: 36 Prozent / 2014: 45 Prozent).
  • 2,4 von 5 durchschnittlichen Behördenkontakten im Jahr werden bereits online erledigt.
  • Zufriedenheit mit E-Government-Angeboten in Deutschland auf Vorjahresniveau (2013: 53 Prozent / 2014: 52 Prozent).
  • Angst vor Datendiebstahl nimmt in Deutschland weiter leicht zu. (2012: 4 Prozent / 2013: 61 Prozent / 2014: 65 Prozent)

Fast die Hälfte der Befragten kritisierte die zu geringe Anzahl an Angeboten und drei Viertel übten Kritik an den mangelnden Informationen über das bestehende digitale Angebot. Auch wird kritisiert, dass eine rein digitale Bearbeitung der bestehenden Angebote oft nicht möglich ist.

 

Bundestag-digital.de: Welche Forderungen haben Sie an den Ausschuss?

Lena Sophie Müller: Neben dem Breitbandausbau muss der Ausschuss auch die Qualität der Breitbandnutzung im Blick behalten und eine vielfältige Nutzung digitaler Medien und des Internets fördern. Er muss Rahmenbedingungen für gezielte Aufklärungsmaßnahmen, Fort- und Weiterbildungen für eine heterogene digitale Gesellschaft schaffen. Eine Möglichkeit dafür ist eine bedarfsorientierte Gestaltung des „Freiwilligen Sozialen Jahres Digital“.

Es besteht immer noch massiver Bedarf beim Ausbau der Aufklärungsmaßnahmen zum Thema Datenbewusstsein. Auch sehen wir eine beunruhigende Tendenz, was das digitale Arbeiten in Deutschland angeht:  Berufstätige besitzen zwar überdurchschnittlich hohe digitale Kompetenzen. Aber: Je kleiner das Unternehmen, desto geringer der Digitalisierungsgrad. Nun ist es nötig, einen Schulterschluss von Politik und Wirtschaft zu schaffen, um eine attraktive Arbeitsumgebung für digital-kompetenten Nachwuchs und Rahmenbedingungen für nachhaltige Fort- und Weiterbildungen für Arbeitnehmer zu ermöglichen.

Auch sollte die Nutzerperspektive bei der Gestaltung von eGovernment-Projekten ernst genommen werden. Eine Betrachtung der aktuell genutzten Medien und Einstellungen in der Bevölkerung ist dabei sehr wichtig. Verwaltungsmitarbeiter sollten intensiver geschult werden und das Marketing für eGovernment-Angebote und digitale Ausweisdokumente deutlich intensiviert werden.

Weitere Informationen zu Initiative D21 e.V. finden sie hier.

Jan Voss

One Comment

  1. Nur das #Pflichtfachinformatik ab der Grundschule als eigenständiges Fach kann hierfür eine Grundlage liefern.
    Darüber hinaus müssen zukünftige Lehrkräfte und Erzieher*innen grundlegende Informatikkompetenzen bereits in der Hochschule/Universität nachweisen, die von Informatikkundigen angeboten werden.
    Fort- und Weiterbildungen können das ganze begleiten, es aber nicht ersetzen.

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